Deutsch - Schweizer-Deutsch - Züritüütsch
Nachstehende Überlegungen beziehen sich auf die Deutsch-Schweiz, weil, der politische Bundes-Staat Schweiz [Conföderatio Helvetica] kennt die vier offiziellen Amts-Sprachen Deutsch, Französisch, Italienisch und Rätoromanisch. Danebst werden die Geschäftssprachen verwendet wie Englisch, Spanisch, Russisch, usw. Also wichtig, "Schweizer" sind nicht gleich Deutsch sprechende ...
Angeblich "ticken" die völlig anders, "die Deutschen" und "die Schweizer" obschon beide deutsch-sprachig seien. Ist dem tatsächlich so und wenn ja weshalb?
Sprache sei etwas lebendiges. Unbestritten ist sprachlich das Alemannische im Schweizer-Deutsch dominant. Nun aber Züritüütsch oder Schweizer-Deutsch generell als alemannisch, deutschen oder gar westgermanischen Dialekt erfassen und bezeichnen zu wollen ist ein Trugschluss, basierend auf Unkenntnis oder Missachtung der Fakten.
Tatsache ist, schon vor der Zuwanderung der alemannisch sprechenden Mitmenschen aus dem Norden waren hier in Zürich die keltisch sprechenden Helvetier mit griechischer Schrift und während der römischen Besetzung mit Latein. Aus dieser Mischung von, nebst anderem, gallisch, romanisch, griechisch, römisch, lateinisch, alemannisch und deutsch entwickelte sich das heutige moderne Züritüütsch zum eigenständigen Sprachgefühl. Als Sprache regelt sich Züritüütsch ohne fest vorgegebene Grammatik und ohne Rechtschreibung. Eine Vergangenheitsform wie Präteritum [Imperfekt] ist vollständig unbekannt; ebenso Genitiv. Nominativ und Akkusativ sind identisch. Die züritüütsche Sprache lebt so in der Gegenwart und ist kein Dialekt vom Standard-Deutsch mit deren Vorgaben.
Der Sprachgebrauch in der deutschsprachigen Schweiz unterscheidet sich dadurch von jenem in Deutschland oder Österreich, dass ein deutlicher Gegensatz besteht zwischen Mundart [Dialekt] und Schriftsprache: Dialekt und Schrift bilden kein Kontinuum, in dem ein gleitender Übergang möglich wäre. Eine sprachliche Äusserung kann nicht auf mehr oder weniger mündliche oder schriftliche Art erfolgen; entweder wird Dialekt oder Schriftsprache gesprochen und zwischen beiden gewechselt.
Die Dialekte werden in der Schweiz von allen sozialen Schichten im mündlichen Bereich als normale Umgangs- und Verkehrssprache verwendet; Dialekt zu sprechen ist nirgends verpönt oder geächtet. Unbesehen der gesellschaftlichen Schicht und auch im Umgang mit Behörden ist das Sprechen des Dialekts in jeder Situation üblich. Schweizer Hochdeutsch [Schriftdeutsch] wird in der Schweiz hauptsächlich für schriftliche Äusserungen verwendet und wird gesprochen als eine Fremdsprache empfunden.
Einer der wichtigen und gewichtigen Unterschiede besteht darin, dass im Züritüüsch die Form fehlt vom deutsch-deutschen Pronomen der 1. Person Plural; das Wort "WIR" ist nicht vorhanden. Gemeinsames entsteht züritüüsch über den Dativ vom ICH als MIËR [bestimmt] und MËR [unbestimmt], behält also den Bezug zum SELBST und ist dadurch kein manipulierbares Phantom wie beim Standard-Deutsch, wo das unbekannte ALLE, eine Dualität von Alles/Nichts, als Drittes aufgehoben wird durch ein vermeintliches WIR, welches aber tatsächlich bloss fiktiv bzw. eine grammatikalische Konstruktion ist, weil, ohne [m]ich auch kein drittes ["alle"].
Bis ins 15./16. Jahrhundert war angeblich auch die mittel- und oberdeutsche Sprache noch weitgehend ohne das WIR, dann wurde das korrekt verwendete MIR falsch als Nebenform des WIR erfasst und bezeichnet. Dadurch wurde aber auch der logische Satz vom ausgeschlossenen Dritten, jetzt aber als ein ideologisch religiöser Dualismus [griechisch-römisch], grammatikalisch im deutsch-deutschen Standard der Sprache verankert. Solange die 1. Person plural [wir] als Dativ vom ICH [miër] wirkt, also das WIR konkret auf etwas tatsächliches bezogen und auch so benannt würde, wären die beiden Formen identisch. Auswegloses Paradoxon entsteht dann, wenn [unbemerkt] deutsch-deutsch resultiert: "MAN IST WIR". So wirkt ein paradoxes Neutrum als "Wir-Gefühl", zugleich eingeschlossen wie ausgeschlossen.
Fazit: Im Standard-Deutsch wird bereits mit der Grammatik eine Ideologie transportiert, welche keine wirklich tatsächliche Grundlage hat während sich das Schweizer-Deutsch ohne vorgegebene Grammatik an der Bedeutung von gegenwärtigem Inhalt orientiert. Darum "ticken" die Deutschen und die Schweizer [vermutlich] tatsächlich anders. Mehr noch, vom Inhalt her betrachtet ist von einer Anwendung des deutschen Standards dringend abzuraten, weil, das vorstehende "Wir-Gefühl" ist bloss ein Beispiel von vielen.
Eine dem Deutsch, genauer der hochdeutschen Schriftsprache eigene Entwicklung führt fast automatisch zu möglichem Denkfehler mit logischer Orientierungslosigkeit, nämlich die eigentliche "Unsitte", aus den Eigenschaften oder der Tätigkeit übergeordnete Hauptwörter zu bilden und aus diesen danach irgend etwas abzuleiten. Dadurch wird Sprache zu einer Form von Glauben, dogmatisch religiös. So gesehen sind deutsch-deutsche Vorstellungen wie etwa jene vom "Sein", vom "Geist", von "Wahrheit", von "Liebe", von "Gott" usw. usf. willkürlich konstruierte und sachlich in sich leere Substantivierungen, welche so im schweizer-deutsch nicht vorhanden sind, die entsprechenden Inhalte aber als tatsächlich eigenschaftlich gefühlt und gedacht werden können, also ohne Substantiv und anschliessender Ableitung von Ideologie. Beispiel: Züritüütsch ergibt die Eigenschaft "liëb" als Dualität von "bös" keine [deutsche] Liebe mit dem nachfolgenden Wahn, "lieben" zu können, zu wollen oder zu müssen; im Zürich-Deutsch wird keine Liebe gemacht, wird nicht "geliebt" als Verb, sondern "ich han dich liëb" oder eben nicht [warum auch immer] und umgekehrt mit Bezug auf mich.
Bitte zu beachten, Rolf Pfister in Zürich schreibt hier [im November 2011] nicht von sprachwissenschaftlichen oder grammatikalischen Spitzfindigkeiten, sondern von seinem selber gelebten Sprachgefühl, wie dies bei ihm, väterlicherseits Zürich-Deutsch und mütterlicherseits Bern-Deutsch, zum Ausdruck kommt im erkennen.
Zeit ist Gegenwart, [Sprache], dieser Augenblick ist aber nicht messbar und darum "zeitlos", ewig.